IGAP - Institut für Innovationen im Gesundheitswesen und angewandte Pflegeforschung

Dekubitus Pflege-Ratgeber

 

Dekubitusprophylaxe - Hilfsmittel

4. Hilfsmittel

Zur Unterstützung der prophylaktischen Maßnahmen sollten Antidekubitus-Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Das Angebot reicht von einfachen Lagerungskissen bis zu sehr teuren Spezialbetten. Alle Hilfsmittel basieren jedoch auf dem selben Wirkungsprinzip: Der Druck, der auf gefährdete Hautstellen einwirkt, soll gemindert werden.

Dieses kann auf verschiedenste Arten erreicht werden. Zum einen kann der Druck der gefährdeten Körperzonen auf eine größere Auflagefläche verteilt werden und zum anderen kann dafür gesorgt werden, dass der Druck nur über einen kurzen Zeitraum einwirkt.

Daraus ergeben sich drei Antidekubitus-Hilfsmittel-Gattungen:

Weichlagerungs-Systeme

Eine Vielzahl von Antidekubitus-Systemen basiert auf dem Wirkprinzip der Vergrößerung der Auflagefläche des Körpers. Dieses wird durch eine optimale Anpassung des Hilfsmittels erreicht. Es gilt: Je besser sich die Hilfsmitteloberfläche an den Patienten anpasst, desto größer wird die Auflagefläche. Damit nimmt der Auflagedruck ab.

Viele Jahre hat man Patienten sehr weich gelagert. Diese Lagerung wurde auch als Super-Weichlagerung bezeichnet.

Studien haben belegt, dass diese Art der Lagerung gewisse unerwünschte Nebenwirkungen, wie z. B. die Verlangsamung der Feinmotorik, mit sich bringt. Insofern sollte bei der Auswahl eines Weichlagerungs-Systems darauf geachtet werden, dass der Patient genügend Halt auf der Matratze findet. Dieses ist wichtig, damit er bei der Durchführung von Bewegungen Unterstützung findet und das Körperschema des Patienten nicht negativ beeinflusst wird.

Wechseldruck-Systeme

Wechseldruckmatratzen bestehen aus verschieden angeordneten Luftkissen. Diese werden abwechselnd mit Luft aufgepumpt. Dadurch wird eine mehrfach stündlich wechselnde Druckentlastung geboten.

Wechseldruck-Systeme sind über viele Jahre uneingeschränkt zum Einsatz gekommen. Doch auch beim Einsatz von Wechseldruck-Systemen können beim Patienten negative Begleiterscheinungen auftreten. Beispielsweise kann sich der Muskeltonus eines Patienten erhöhen oder sogar Spastiken hervorgerufen werden.

Zudem sollten bestimmte Patientengruppen nicht mit Wechseldruck-Systemen versorgt werden. Dazu zählen vor allem Schmerz- und wahrnehmungsgestörte Patienten, wie beispielsweise Demenzerkrankte oder Schlaganfallpatienten.

Micro-Stimulations-Systeme

[MiS; dynamische Systeme zur Stimulation von Mikrobewegungen, Liegesystem zur Dekubitusprophylaxe und -therapie]

Das Wirkprinzip der Micro-Stimulations-Systeme basiert wesentlich auf den theoretischen Grundlagen der Basalen Stimulation, dem Bobath-Konzept und der Kinästhetik. Micro-Stimulations-Systeme fördern und erhalten die Eigenbewegung und Wahrnehmung des Patienten durch die Rückkopplung des Systems, die charakteristisch aus der Flügelfedertechnik (Torsionsflügelfeder) besteht, mit dem Patienten. Diese Rückkopplung unterstützt den Erhalt der Körperwahrnehmung und ermöglicht dadurch die Eigenbewegung des Patienten. Dadurch wird die physiologische Durchblutung der Haut gewährleistet, so dass das Auftreten von Druckgeschwüren verhindert, bzw. die Grundvoraussetzung für die Wundheilung geschaffen wird.

MiS Micro-Stimulations-Systeme bieten dem Körper des Patienten eine einheitliche Auflagefläche zur gleichmäßigen Druckverteilung. Im Gegensatz zu klassischen Weichlagerungs-Systemen erhalten und fördern sie die Eigenbewegung des Patienten, durch die Rückkopplung der Mikrobewegungen des Systems mit dem Körper des Patienten. Diese Rückkopplung dient dem Erhalt der Körperwahrnehmung und ermöglicht dadurch die Eigenbewegung des Patienten. Dadurch eignet sich diese Art von Systemen besonders gut zum Einsatz bei Schmerzpatienten, Demenzerkrankten, bei Patienten mit Körperbildstörungen (z. B. Multipler Sklerose, Morbus Bechterew, Schädel-Hirn-Trauma, Querschnitt etc.) und vor allem bei Schlaganfallpatienten.

In der Praxis haben sich MiS Mirco-Stimula­tions-Systeme bisher gut bewährt. Diese positiven Ergebnisse konnten mittlerweile durch eine klinische Studie des Evidenzlevels I nachgewiesen werden. Die Studie wurde nach einem randomisierten, komparativen und explorativen Design durchgeführt und ist demzufolge sehr aussagekräftig. Zudem konnten bisher keine negativen Begleiter­scheinungen beobachtet werden. Insofern können keine Kontraindikationen festgestellt werden.

Leider gibt es kein universell einsetzbares System, das allen Patienten gleichermaßen hilft. Insofern müssen die Bedürfnisse des zu versorgenden Patienten sehr genau abgewogen werden.

Folgende Kriterien sollten Beobachtung finden:

  • Grunderkrankung des Patienten
  • Höhe des Dekubitusrisikos
  • Vorhandensein eines Druckgeschwürs
  • Stadium des Dekubitus
  • Wundheilungsphase
  • Bewegungsgrad (Mobilitätsgrad) des Patienten
  • geistiger Zustand des Patienten
  • Langzeit-, Kurzzeit- bzw. Akutversorgung
  • durch wen wird der Patient versorgt

Sind diese Punkte abgeklärt, lässt sich eine nach den Bedürfnissen des Patienten ausgerichtete, optimale Hilfsmittelversorgung vornehmen. Wichtig ist es jedoch, nachdem man sich für ein bestimmtes Wirkprinzip entschieden hat zu überprüfen, ob der therapeutische Nutzen des Hilfsmittels in ausreichender Form nachgewiesen wurde. Hierzu empfiehlt es sich die Produktunterlagen zu sichten und ggf. beim Hersteller entsprechende Nachweise anzufordern.

Wichtig

Bei der Nutzung eines Antidekubitus-Systems ist in aller Regel die kontinuierliche Umlagerung des Patienten trotzdem unumgänglich. Jedoch können die Lagerungsintervalle verlängert werden. Nach dem heutigen pflegewissenschaftlichen Stand sollten folgende Hilfsmittel nicht mehr zur Versorgung von Dekubituspatienten eingesetzt werden:

  • Felle
  • Wassermatratzen
  • Sitzringe
  • Watteverbände
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aktualisiert: Mai 2014